Kurier-Journal

The Father

Filmauslese im Kino Scala

Büllingen. – Das Kinodebüt des gefeierten Dramatikers Florian Zeller mit den Oscarpreisträgern Anthony Hopkins und Olivia Colman in den Hauptrollen über einen Mann, dem die Realität mehr und mehr zu entgleiten droht, wurde für sechs Oscars nominiert. Der Film spielt sich im Kopf der Hauptfigur ab: Jede neue Szene negiert die vorherige, stellt in Frage, was wir bisher gesehen haben und was wir gerade sehen. Gesetzt ist nur, dass sich Tochter Anne liebevoll um den Mann kümmert, mit dem der Zuschauer gerade zusammen seinen Verstand verliert. Dass ihr sein unberechenbarer Geisteszustand mehr und mehr zusetzt. Dass es eine zweite Tochter gibt, die vor Jahren bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Alles andere ist Verhandlungssache: Mal ist die Tochter gespielt von Olivia Colman, dann wieder von Olivia Williams. Es gibt einen Mann im Leben von Anne. Aber ob er Rufus Sewell ist oder Mark Gatiss, das lässt sich schon weniger genau festhalten. Eine potenzielle neue Pflegerin stellt sich vor, die Anne entlasten soll. Vielleicht aber auch nicht. Kleine Fetzen tauchen immer wieder auf, in immer neuen Konstellationen: Annes blaue Seidenbluse, ein Hühnchen, das zum Essen gereicht werden soll, eine Armbanduhr, die gestohlen oder verlegt sein könnte, Anthonys Anmerkung, in Paris würde man nicht einmal Englisch sprechen. Dann wiederum gibt es Elemente, die längst nicht so handfest sind: Spielt die blaue Plastiktüte, die Anthony in seine Hosentasche steckt, eine Rolle? Ist es Zufall, dass er später durch sein Fenster draußen vor dem Haus einen Jungen sieht, der mit einer Plastiktüte spielt? Darum bauen sich immer wieder neue Szenen auf, die manchmal auf andere Erzählelemente Bezug nehmen – oder auf sich selbst, weil sie verblüffender Weise da enden, wo sie angefangen haben.

Und mittendrin eben Anthony, der sich einen Reim zu machen versucht auf ein Leben, mit dem er sich auf Kriegsfuß befindet. Einer der besten Filme dieses Jahres. Prädikat “Besonders Wertvoll“.

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